Schicksal als Chance
Über das Leben eines “vergessenen” Kindes mit einer psychisch kranken Mutter.
Die Welt zerbricht jeden, und nachher sind viele an den zerbrochenen Stellen stark
„In einem anderen
Land“, Ernest Hemingway
Nachdem sich meine Eltern durch die englische
Schwester meines Vaters kennengelernt hatten und er nach Deutschland zog, wurde
ich 1986 geboren. Mit drei Jahren erlebte ich die erste längere Trennung. Mom
kam für sechs Monate in die Psychiatrie. Glücklicherweise konnte ich zuhause bleiben,
da meine deutsche Großmutter im selben Haus wohnte. Die Erinnerung an die
Momente, wenn wir Mom nach einem Besuch verließen und Dad mich trotz meiner
Schreie von ihr weg trug, verfolgt mich noch heute. Wir wohnten in einem
kleinen Dorf auf dem Lande. In den Naturerfahrungen mit meinen fast
gleichaltrigen Cousins fand ich Abenteuer und Geborgenheit, die mir halfen den
Verlust zu verkraften. Mit fünf kam ich in den Kindergarten und bekam
Logopädie, da mein Sprachgebrauch mangelhaft war. Ob es an Überforderung durch
die bilinguale Erziehung oder zu verwöhntem Umgang lag, ist ungewiss. Meine
Puppe nutzte ich als Vertrauensperson und sprach mit ihr, als existierte sie
real.
Ein Jahr vor Schulbeginn bekam ich, obgleich die Beziehung
meiner Eltern keine standhafte Basis hatte, eine Schwester mit geistiger
Behinderung. Die Behinderung und eine starke Kopfverbrennung meiner Schwester
überforderten Mom so sehr, dass sie 1993 erneut für sechs Monate eine
Psychiatrie besuchte. Dieses Mal blieb ich bei einem Kindergartenfreund, da
meine Eltern mich nicht bei meiner Großmutter lassen wollten. Ein halbes Jahr
besuchte ich die Grundschule, dann eine Waldorfschule. Dem Schulwechsel folgte
der Umzug in eine 60 km entfernte Stadt. Neue soziale Umgebung, neue Stadt. Ein
Jahr darauf kam Mom erneut in die Psychiatrie. Ende des Jahres trennten sich
meine Eltern. Dad zog aus und ich blieb bei Mom und meiner Schwester wohnen.
Wir erhielten sozialtherapeutische Hilfe, aber Moms Zustand blieb kritisch. Aus
mangelnder Krankheitseinsicht besuchte sie lange Zeit keine psychiatrische
Einrichtung mehr, sondern nur eine wöchentliche Therapiestunde. Ich kümmerte
mich um die Organisation des Haushaltes und um meine kleine Schwester. Abends
quälte mich das Schuldgefühl, wenn ich Mom im Wohnzimmer weinen hörte. Der
einzige vertrauenswürdige Gesprächspartner war mein Tagebuch, es hatte immer
ein Ohr für mich offen. Die Musik, zu der ich durch das Erlernen der
klassischen Gitarre Zugang fand, der Glaube an Gott und die Phantasie halfen mir in diesen Jahren das Chaos meiner
Mutter mit klarem Kopf zu überstehen. Aufgrund
der Überforderung kam es zu auffälligem Verhalten in der Schule. Regelmäßige
Prügeleien und Mobbing in der Klasse waren die Folgen meiner mangelnden
Sozialisierung. Nach mehreren Hinweisen
der Schule begann sich Mom Sorgen zu machen und kämpfte bei der Krankenkasse
für eine Kindertherapie. Nach ersten Abweisungen wurde diese dann endlich
genehmigt. Zwei Stunden wöchentlich besuchte ich eine Spieltherapeutin in der
Stadt. Als Mom 2001 erneut ins Krankenhaus eingewiesen wurde, war ich auf mich
selbst gestellt. Zu Dad wollte ich aufgrund des schlechten Kontaktes nicht. Das
Jugendamt schlug mir eine betreute Wohngemeinschaft vor, doch die Mitbewohner
bereiteten mir Angst. Als ich es der Mutter meines Schulpaten erzählte, schlug
sie mir vor, bei ihnen zu wohnen. Statt vier Wochen Psychiatrie verließ Mom das
Krankenhaus bereits nach einem Tag auf eigene Verantwortung. Das Jugendamt und
die Spieltherapeutin hielten einen Umzug zu Dad für sinnvoller. Aufgrund meiner
Einwände wurde dieser jedoch hinausgezögert. Ich blieb insgesamt drei Jahre im
Ungewissen bei der Pflegefamilie wohnen. Der intensive Kontakt zu den fünf
Pflegegeschwistern tat mir gut, aber die Schuldgefühle gegenüber meiner Schwester
und Mom plagten mich durchgehend. Das erste halbe Jahr brach ich zusammen, wenn
ich Mom in der Stadt oder bei Familienfeiern der Großmutter begegnete. Als nach
drei Jahren, durch einen Seitensprung der Pflegemutter, ebenfalls eine
Borderline-Erkrankung bei ihr festgestellt wurde und die Familie drohte zu
zerfallen, bekam ich ein Apartment in einem betreuten Wohnen. Mit psychisch Kranken
und Alkoholikern in einem Haus, konnte ich die Schule weiter fortsetzen.
Aufgrund des Wohnortwechsels besuchte ich ein anderes Gymnasium und zog nach
einem dreiviertel Jahr in eine eigene Wohnung. In der neuen Stadt und der neuen
Schule fand ich kaum Anschluss und wechselte daher in der zwölften Klasse
wieder zur alten Schule. Die Jugendhilfe und die Spieltherapie liefen aus und
ich war erneut auf mich selbst gestellt, gezwungen mir meinen sozialen Rückhalt
selbst aufzubauen. Bereits mit fünfzehn hatte ich mir mein Taschengeld mit
einem Nebenjob als Putzhilfe verdient, in der neuen Stadt dann als Tagesmutter.
Wie Glück im Unglück gaben mir diese Familien und die gut verdienende Familie
eines Schulfreundes den nötigen Rückhalt, um das Abitur abzuschließen. Während
der Überlegungen des weiteren Berufswegs in der 13. Klasse, riss mich ein
Gehirnschlag 2007 aus dem neuaufgebauten Alltag heraus. Als die
Klassenkameraden ihr Abitur schrieben, wurde ich am Kopf operiert und durch die
vielen Todesfälle auf der neurochirurgischen Station erneut mit dem Todeswunsch
konfrontiert, der mich seit der Jugend begleitete. Wieder stand ich vor der
Frage: Wofür lebst du eigentlich? Was ist der Sinn dieses beschissenen Daseins?
Was ist der Sinn des Leidens? Wäre der Tod nicht einfacher und schöner? Die
Gedanken an den österreichischen Psychiater und Logotherapeuten Viktor E.
Frankl, mit dem ich mich während der Facharbeit in der 12. Klasse beschäftigt
hatte, halfen mir sehr. Seine These „Auch Leiden hat Sinn“, half mir Hoffnung
zu finden und konstruktiv über den Sinn meines Daseins nachzudenken.
Trotz der großen Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses
nach der Operation konnte ich mein Abitur im Oktober 2007 nachschreiben und
dann meiner neu gesetzten Lebensaufgabe nachgehen. Ich besuchte Kurse des
„kreativen Schreibens“ und bildete mich in eigener Initiative in diesem Bereich
weiter, denn mir war klar geworden: Die Erfahrungen, die Erkenntnisse, die ich
durch mein wildes, turbulentes Leben gewonnen hatte, möchte ich weitergeben,
möchte ich nutzen, um anderen Menschen zu helfen, anderen Menschen Mut zu
geben.
Jetzt habe ich meine Autobiografie mithilfe der
Tagebucheinträge abgeschlossen und sie verschiedenen Verlagen zugeschickt. Dank
der Tagebücher habe ich auch bereits genug Stoff für weitere Bücher. Vielleicht
hat gerade der Gehirnschlag mir geholfen, meine Lebensaufgabe zu finden und den
Gedanken an einen guten Job, gutes Einkommen und Sicherheit aufzugeben. Der
Sinn meines Schicksals ist es, meinen Optimismus, meinen Glauben, meine
Erfahrungen mit Hilfe von Büchern, Vorträgen und Lesungen in die Welt zu tragen
und anderen Menschen Mut zu machen. Das Schreiben hat mir sehr geholfen, die
traumatischen Erlebnisse der Kindheit zu verarbeiten, wieder leben zu lernen,
statt nur zu überleben und mit Hilfe eines biblischen Satzes optimistisch auf
den riesigen Erfahrungsschatz und in die Zukunft zu blicken: „Ich will alles
vergessen was hinter mir liegt und schaue nur noch auf das Ziel vor mir.“ (Phil
3,13)
Falls Interesse besteht, bin ich unter dieser E-Mail
erreichbar: emely.oak@gmx.de. Die ersten
Seiten meines Manuskripts sind unter diesem Link zu lesen:
http://www.neobooks.com/werk/20446-warum-hoert-mich-keiner.html
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