Freitag, 10. Mai 2013



Schicksal als Chance

Über das Leben eines “vergessenen” Kindes mit einer psychisch kranken Mutter.


Die Welt zerbricht jeden, und nachher sind viele an den zerbrochenen Stellen stark
„In einem anderen Land“, Ernest Hemingway
Nachdem  sich meine Eltern durch die englische Schwester meines Vaters kennengelernt hatten und er nach Deutschland zog, wurde ich 1986 geboren. Mit drei Jahren erlebte ich die erste längere Trennung. Mom kam für sechs Monate in die Psychiatrie. Glücklicherweise konnte ich zuhause bleiben, da meine deutsche Großmutter im selben Haus wohnte. Die Erinnerung an die Momente, wenn wir Mom nach einem Besuch verließen und Dad mich trotz meiner Schreie von ihr weg trug, verfolgt mich noch heute. Wir wohnten in einem kleinen Dorf auf dem Lande. In den Naturerfahrungen mit meinen fast gleichaltrigen Cousins fand ich Abenteuer und Geborgenheit, die mir halfen den Verlust zu verkraften. Mit fünf kam ich in den Kindergarten und bekam Logopädie, da mein Sprachgebrauch mangelhaft war. Ob es an Überforderung durch die bilinguale Erziehung oder zu verwöhntem Umgang lag, ist ungewiss. Meine Puppe nutzte ich als Vertrauensperson und sprach mit ihr, als existierte sie real.
Ein Jahr vor Schulbeginn bekam ich, obgleich die Beziehung meiner Eltern keine standhafte Basis hatte, eine Schwester mit geistiger Behinderung. Die Behinderung und eine starke Kopfverbrennung meiner Schwester überforderten Mom so sehr, dass sie 1993 erneut für sechs Monate eine Psychiatrie besuchte. Dieses Mal blieb ich bei einem Kindergartenfreund, da meine Eltern mich nicht bei meiner Großmutter lassen wollten. Ein halbes Jahr besuchte ich die Grundschule, dann eine Waldorfschule. Dem Schulwechsel folgte der Umzug in eine 60 km entfernte Stadt. Neue soziale Umgebung, neue Stadt. Ein Jahr darauf kam Mom erneut in die Psychiatrie. Ende des Jahres trennten sich meine Eltern. Dad zog aus und ich blieb bei Mom und meiner Schwester wohnen. Wir erhielten sozialtherapeutische Hilfe, aber Moms Zustand blieb kritisch. Aus mangelnder Krankheitseinsicht besuchte sie lange Zeit keine psychiatrische Einrichtung mehr, sondern nur eine wöchentliche Therapiestunde. Ich kümmerte mich um die Organisation des Haushaltes und um meine kleine Schwester. Abends quälte mich das Schuldgefühl, wenn ich Mom im Wohnzimmer weinen hörte. Der einzige vertrauenswürdige Gesprächspartner war mein Tagebuch, es hatte immer ein Ohr für mich offen. Die Musik, zu der ich durch das Erlernen der klassischen Gitarre Zugang fand, der Glaube an Gott und die Phantasie  halfen mir in diesen Jahren das Chaos meiner Mutter mit  klarem Kopf zu überstehen. Aufgrund der Überforderung kam es zu auffälligem Verhalten in der Schule. Regelmäßige Prügeleien und Mobbing in der Klasse waren die Folgen meiner mangelnden Sozialisierung.  Nach mehreren Hinweisen der Schule begann sich Mom Sorgen zu machen und kämpfte bei der Krankenkasse für eine Kindertherapie. Nach ersten Abweisungen wurde diese dann endlich genehmigt. Zwei Stunden wöchentlich besuchte ich eine Spieltherapeutin in der Stadt. Als Mom 2001 erneut ins Krankenhaus eingewiesen wurde, war ich auf mich selbst gestellt. Zu Dad wollte ich aufgrund des schlechten Kontaktes nicht. Das Jugendamt schlug mir eine betreute Wohngemeinschaft vor, doch die Mitbewohner bereiteten mir Angst. Als ich es der Mutter meines Schulpaten erzählte, schlug sie mir vor, bei ihnen zu wohnen. Statt vier Wochen Psychiatrie verließ Mom das Krankenhaus bereits nach einem Tag auf eigene Verantwortung. Das Jugendamt und die Spieltherapeutin hielten einen Umzug zu Dad für sinnvoller. Aufgrund meiner Einwände wurde dieser jedoch hinausgezögert. Ich blieb insgesamt drei Jahre im Ungewissen bei der Pflegefamilie wohnen. Der intensive Kontakt zu den fünf Pflegegeschwistern tat mir gut, aber die Schuldgefühle gegenüber meiner Schwester und Mom plagten mich durchgehend. Das erste halbe Jahr brach ich zusammen, wenn ich Mom in der Stadt oder bei Familienfeiern der Großmutter begegnete. Als nach drei Jahren, durch einen Seitensprung der Pflegemutter, ebenfalls eine Borderline-Erkrankung bei ihr festgestellt wurde und die Familie drohte zu zerfallen, bekam ich ein Apartment in einem betreuten Wohnen. Mit psychisch Kranken und Alkoholikern in einem Haus, konnte ich die Schule weiter fortsetzen. Aufgrund des Wohnortwechsels besuchte ich ein anderes Gymnasium und zog nach einem dreiviertel Jahr in eine eigene Wohnung. In der neuen Stadt und der neuen Schule fand ich kaum Anschluss und wechselte daher in der zwölften Klasse wieder zur alten Schule. Die Jugendhilfe und die Spieltherapie liefen aus und ich war erneut auf mich selbst gestellt, gezwungen mir meinen sozialen Rückhalt selbst aufzubauen. Bereits mit fünfzehn hatte ich mir mein Taschengeld mit einem Nebenjob als Putzhilfe verdient, in der neuen Stadt dann als Tagesmutter. Wie Glück im Unglück gaben mir diese Familien und die gut verdienende Familie eines Schulfreundes den nötigen Rückhalt, um das Abitur abzuschließen. Während der Überlegungen des weiteren Berufswegs in der 13. Klasse, riss mich ein Gehirnschlag 2007 aus dem neuaufgebauten Alltag heraus. Als die Klassenkameraden ihr Abitur schrieben, wurde ich am Kopf operiert und durch die vielen Todesfälle auf der neurochirurgischen Station erneut mit dem Todeswunsch konfrontiert, der mich seit der Jugend begleitete. Wieder stand ich vor der Frage: Wofür lebst du eigentlich? Was ist der Sinn dieses beschissenen Daseins? Was ist der Sinn des Leidens? Wäre der Tod nicht einfacher und schöner? Die Gedanken an den österreichischen Psychiater und Logotherapeuten Viktor E. Frankl, mit dem ich mich während der Facharbeit in der 12. Klasse beschäftigt hatte, halfen mir sehr. Seine These „Auch Leiden hat Sinn“, half mir Hoffnung zu finden und konstruktiv über den Sinn meines Daseins nachzudenken.
Trotz der großen Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses nach der Operation konnte ich mein Abitur im Oktober 2007 nachschreiben und dann meiner neu gesetzten Lebensaufgabe nachgehen. Ich besuchte Kurse des „kreativen Schreibens“ und bildete mich in eigener Initiative in diesem Bereich weiter, denn mir war klar geworden: Die Erfahrungen, die Erkenntnisse, die ich durch mein wildes, turbulentes Leben gewonnen hatte, möchte ich weitergeben, möchte ich nutzen, um anderen Menschen zu helfen, anderen Menschen Mut zu geben.
Jetzt habe ich meine Autobiografie mithilfe der Tagebucheinträge abgeschlossen und sie verschiedenen Verlagen zugeschickt. Dank der Tagebücher habe ich auch bereits genug Stoff für weitere Bücher. Vielleicht hat gerade der Gehirnschlag mir geholfen, meine Lebensaufgabe zu finden und den Gedanken an einen guten Job, gutes Einkommen und Sicherheit aufzugeben. Der Sinn meines Schicksals ist es, meinen Optimismus, meinen Glauben, meine Erfahrungen mit Hilfe von Büchern, Vorträgen und Lesungen in die Welt zu tragen und anderen Menschen Mut zu machen. Das Schreiben hat mir sehr geholfen, die traumatischen Erlebnisse der Kindheit zu verarbeiten, wieder leben zu lernen, statt nur zu überleben und mit Hilfe eines biblischen Satzes optimistisch auf den riesigen Erfahrungsschatz und in die Zukunft zu blicken: „Ich will alles vergessen was hinter mir liegt und schaue nur noch auf das Ziel vor mir.“ (Phil 3,13) 
Falls Interesse besteht, bin ich unter dieser E-Mail erreichbar: emely.oak@gmx.de. Die ersten Seiten meines Manuskripts sind unter diesem Link zu lesen:  http://www.neobooks.com/werk/20446-warum-hoert-mich-keiner.html